Kreative Demokratiebildung mit Adobe Spark

Die Ausgangslage

Der Aufhänger für dieses Projekt war die Kommunalwahl in Flensburg am 6. Mai 2018, die kurz bevorstand. Durchgeführt wurde es in einer 9. Klasse im WiPo-Unterricht. Zentrales Arbeitsmittel für die Schülerinnen und Schüler waren die drei Anwendungen von Adobe Spark (Spark Post, Spark Page und Spark Video).

Da ich auch Klassenlehrer dieser Klasse war und sie in diversen anderen Fächern unterrichtete, war für die Schüler die Arbeit mit diesen Apps bzw. der Webanwendung von Adobe Spark grundsätzlich nichts Neues. Besonders erwähnenswert ist dieses Projekt aber deshalb, weil es bis dahin definitiv mein umfangreichstes Spark-Projekt war. Jede der Anwendungen musste intensiv genutzt werden, um zum Ziel zu gelangen.

Im Vordergrund stand aber nicht der Einsatz von Adobe Spark, sondern es ging viel mehr darum sich diesem Thema, Kommunalwahl bzw. Wahlkampfarbeit, das von den meisten Schülern als trocken und uninteressant wahrgenommen wird, auf kreative Weise zu nähern. Die nötigen Grundlagen waren – theoretisch – vorhanden. Wir hatten im Laufe des Schuljahres über das politische System der Bundesrepublik, sowie die repräsentative Demokratie und das deutsche Parteiensystem gesprochen. Dieses Verständnis ist wichtig und grundlegend, aber für Jugendliche im Alter von 14-16 Jahren eher langweilig und abschreckend.

Nun hätte ich als Vorbereitung auf die anstehende Wahl, bei der einzelne Schülerinnen und Schüler bereits wahlberechtigt waren, ähnlich weiterarbeiten können. Wir hätten uns die jeweiligen Wahlprogramme vornehmen oder uns aktuelle Zeitungsartikel und Werbematerial der Parteien und Kandidaten genauer anschauen können. Mir war es aber ein wichtiges Anliegen, die Schülerinnen und Schüler zum Urnengang zu motivieren und ihnen zu zeigen, dass Demokratielernen Spaß machen kann.

 

Arbeitsprozess im Überblick

Phase2 Szenario
Orientation: 1
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Die Vorarbeit

Der erste Schritt bestand darin sich Wahlkampf-Plakate anzuschauen. Ich hatte als stummen Impuls eine automatisch ablaufende Bildpräsentation vorbereitet, die Flyer und Plakate von unterschiedlichen Parteien (CDU, CSU, SPD, Grüne, FDP, Linkspartei, AfD, Piratenpartei) auf unterschiedlichen Wahlkampfebenen (Kommunalwahl, Landtags- und Bundestagswahl) zeigte.

Nach einiger Zeit äußerten die Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken zu den Wahlplakaten und berichteten von den Plakaten, die zu der Zeit in Flensburg hingen. Wir unterhielten uns ausgiebig über Inhalte, Darstellungsformen, die verwendeten Slogans, etc.

Der zweite Schritt bestand darin diese Einleitung nun mit der Lebenswelt der Schüler zu verknüpfen. Hierzu wählte ich einen kleinen Schwindel:

An unserer Schule ist es üblich, dass die beiden Schülersprecher nicht offen von der gesamten Schülerschaft sondern lediglich innerhalb der aktuellen Schülervertretung gewählt werden. Ich erzählte meinen Schülern, dass dieses System nun verändert werden soll. Zukünftig soll jeder Schüler bei einer schulinternen Wahl aktiv mitentscheiden können. Hierfür wäre es aber zunächst wichtig, dass interessierte Kandidatinnen und Kandidaten sich in Form von Wahlwerbung den Mitschülern vorstellen und ihre Ideen präsentieren.

Soweit so gut. Der Schwindel klang plausibel und die Schüler glaubten mir. Nun folgte der nächste Schritt, der die Lüge vorsichtig wieder entlarven sollte – aus gutem Grund:

Ich verriet den Schülern, dass sich für das kommende Schuljahr bereits zwei Kandidaten gemeldet hätten: Michelle und Sven würden gegeneinander antreten. Während das Rätselraten begann in welchen Klassen die beiden Schüler sich befinden könnten, zeigte ich zwei kurze Wahlwerbespots (erstellt mit Adobe Spark Video, Bildmaterial stammt von Pixabay und Unsplash). Nun war allen klar, dass es ein Schwindel war. Trotzdem bot es eine sehr nährreiche Gesprächsgrundlage, denn die beiden fiktiven Schülersprecher-Kandidaten hatten eine ganz unterschiedliche Zielsetzung offenbart. Während Michelle  unter dem Motto „Go out“ u.a. Überdachungen für Pausenbereiche und mehr Unterricht unter freiem Himmel forderte, war Svens Hauptanliegen die stufenhafte Reduzierung und letztliche Abschaffung des Mathematikunterrichts.

Zu den Wahlwerbespots schauten wir uns die ergänzenden Flyer und Webseiten an (erstellt mit Adobe Spark Post und Spark Page). Hier gab es weitere Details zu den Wahlvorhaben. Bei einer ersten Blitzabstimmung war die Unterstützung für Sven groß. Doch sofort kam Unruhe auf und es wurde lauthals darüber diskutiert, dass sämtliche Ziele von Sven unrealistisch wären. Ganz ohne weiteres Zutun entfachte eine hitzige Diskussion und ich musste anschließend lediglich nachfragen was sich verändern würde, wenn Sven die Wahl gewinnen würde, um aufzuzeigen, dass er trotz großer Ziele und Versprechungen vermutlich gar nichts ändern würde und den Schülern so die Bedeutung realistischer, tatsächlich erreichbarer Ziele zu verdeutlichen.

Gruppenverteilung & Einführung in das Projekt

Nachdem ein angemessenes Szenario geschaffen und erste Gedanken angestoßen waren, offenbarte ich den Schülerinnen und Schülern das Projekt, das ihnen bevorstand. Sie sollten in (von mir festgelegten) Gruppen Schülerparteien gründen und einen eigenen Kandidaten für die Schülersprecherwahl aufstellen. Die folgenden Aufgaben sollten dabei konkret bearbeitet werden:

  • einen originellen Parteinamen für ihre fiktive Schülerpartei finden
  • zwei Wahlkampf-Plakate oder -Flyer mit Spark Post erstellen
  • eine Website mit 10 realistischen Wahlversprechen mit Spark Page erstellen
  • einen kreativen Wahlwerbespot mit Spark Video erarbeiten

 

Zudem hatte jedes Gruppenmitglied mindestens einen der folgenden Posten innerhalb der Partei zu übernehmen. Da es jedoch mehr Ämter als Schüler gab, mussten einige die Verantwortung für mehrere Aufgaben tragen. Die genaue Verteilung war gänzlich den Gruppen überlassen. Am Ende der ersten Projektstunde musste eine Übersicht eingereicht werden – entweder auf einem Zettel oder digital per Google Formular.

 

Die zu verteilenden Ämter waren:

  • Spitzenkandidat/in: Das Gesicht der Partei. Ihr/Sein Bild ist auf den Plakaten zu sehen.
  • Stellvertreter/in: Sollte der Spitzenkandidat krank werden, springt diese Person spontan ein.
  • Fortschrittsbeauftragte/r: Sie/Er stellt sicher, dass stets zielorientiert gearbeitet wird und am Stundenende immer ein sichtbarer Fortschritt erfolgt ist
  • Justizbeauftragte/r: Sie/Er stellt sicher, dass sich die Gruppe an alle vorgegebenen Regeln hält und dass keine urheberrechtlich geschützten Inhalte verwendet werden.
  • Geheimhaltungsbeauftragte/r: Sie/Er stellt sicher, dass alle Arbeitsprozesse und -ergebnisse geheim bleiben und die anderen Gruppen bis zum „Wahltag“ keine Informationen erhalten.
  • Gleichstellungsbeauftragte/r: Sie/Er stellt sicher, dass bei den Wahlzielen sämtliche Personen in der Schule berücksichtigt werden, z.B. Schüler und Lehrer, Mädchen und Jungen, jüngere und ältere Schüler.
  • Materialbeauftragte/r: Sie/Er managt das Material und achtet darauf, dass zu jeder Arbeitssitzung mindestens ein Laptop sowie ein Gerät zum Filmen und Fotos machen vorhanden ist.

 

Neben den Zielen und den zu verteilenden Ämter präsentierte ich den Schülerinnen und Schülern außerdem einen genauen Zeitplan, so dass sie einschätzen konnten wie viel Zeit sie insgesamt hatten und in wie vielen Einzelsitzungen sie Gelegenheit bekamen während der Unterrichtszeit zusammenzuarbeiten.

 

All das waren eine Menge Informationen. Selbstverständlich hätte ich sie auch auf einem umfangreichen Arbeitsbogen zusammenfassen und austeilen können. Im Vorfeld erschien es mir jedoch weitaus sinnvoller alle Informationen, die in der Einführungsstunde vorgestellt und besprochen wurden selbst auf einer Adobe Spark-Website zu sammeln. Den Link habe ich in jeder Sitzung über den Beamer an die Wand projiziert und über unsere schulinterne Kommunikationsplattform IServ auf den Startseiten der Schülerinnen und Schüler bereitgestellt. Einige Bereiche der Website wurden im Laufe des Projektes aktualisiert, so dass z.B. auch die Ämterverteilung für alle Gruppen darauf sichtbar war. Außerdem habe ich am Ende der Projektphase alle fertigen Schülerergebnisse dort online gestellt.

 

Über den folgenden Button gelangt man zu einer Kopie (!) dieser Website. Ich habe darauf alle Schülerbilder unkenntlich gemacht und sämtliche Schülernamen verändert, um deren Persönlichkeitsrechte zu wahren. Vom Aufbau und der Art der Inhalte ist sie jedoch mit der unterrichtlichen Arbeitsplattform identisch.

Spark-Seite zur Schülersprecherwahl

 

Die Arbeitsphase

Für jede Gruppe hatte ich im Vorfeld einen separaten Spark-Account eingerichtet. Die Login-Daten und Passwörter hat der Geheimhaltungsbeauftragte nach der Ämterverteilung erhalten. So konnten die Schülerinnen und Schüler immer nur die eigenen Projektdateien sehen und nicht die der anderen Parteien. Immer wieder habe ich betont wie wichtig es wäre die Ideen bis zum Wahltag geheim zu halten, um zum einen die Spannung zu steigern und zum anderen sicher zu stellen, dass keine Gruppe Ideen von einer anderen übernehmen konnte.

Der Start in die Arbeitsphase fiel sehr unterschiedlich aus. Einige Gruppen fingen direkt an die Flyer, Videos oder Webseiten zu bearbeiten. Andere brauchten sehr lange um die Ämter zu verteilen und verloren sich in Ideen, teilweise ging es dabei auch um alberne „Spaß-Ideen“, die nicht sonderlich zielorientiert waren. Bei diesen besagten Gruppen mischte ich mich immer wieder ein und versuchte sie durch Beratung in eine zielführendere Richtung zu lenken. Außerdem führte ich in der letzten Viertelstunde jeder freien Arbeitssitzung kurze Rückmeldegespräche mit allen Fortschrittsbeauftragten. Stichpunktartig notierte ich mir stets was die Gruppen neu erarbeitet hatten.

Meine zweite Hauptaufgabe bestand darin technische Hilfestellungen zu leisten. Zum Glück hatte ich während zwei Arbeitssitzungen zusätzliche Unterstützung von einem interessierten Kollegen, der freiwillig mit in die Stunden kam. So konnten wir gleichzeitig Gruppen bei der Erstellung der Materialien helfen.

In der Einführungsstunde hatte ich auch eine kurze technische Einführung gegeben. Wie bereits erwähnt, war die Arbeit mit Adobe Spark bekannt. Was die Schüler unter meiner Anleitung noch nicht getan hatten, war eine Aufnahme mit einem Greenscreen. Dies diente dazu den Spitzenkandidaten vor abwechslungsreiche Hintergründe zu platzieren.

Letztlich war es den Schülerinnen und Schülern hierbei erlaubt eigene Apps oder Programme zu nutzen. Meine Empfehlung war die App „PhotoLayers“, dessen Download-Link ich für iOs- und Android-Geräte auch auf der Aufgaben-Website bereitgestellt hatte. Für diese technische Einführung hatte ich ein Plakat vorbereitet, aber keinen Kandidaten eingefügt. Über die AirPlay-Funktion spiegelte ich mein iPad-Display, so dass die Schüler jeden Schritt verfolgen konnten, den ich unternahm. Ein freiwilliger Schüler ließ sich vor dem Greenscreen fotografieren. Mit dem „Color-Picker“ in der App, entfernte ich mit wenigen Klicks den grünen Hintergrund und speicherte das Bild als PNG-Datei mit transparentem Hintergrund in der Fotos-App. Nun konnte ich dieses Bild in Adobe Spark Post aufrufen und platzieren. Anschließend war es möglich die Reihenfolge der Hintergrund-, Foto- und Text-Ebene festzulegen, so dass sich ein stimmiges Endprodukt ergab.

 

Der Wahltag

Die Arbeitsphase war mit vier Einzelstunden relativ kurz und es wurde intensiv gearbeitet. Rückblickend hätte ich eventuell eine weitere Stunde mehr Zeit gegeben – aber keinesfalls länger. Für die meisten Gruppen war es hilfreich, dass die Zeit drängte und jede Minute genutzt werden musste. Einige von ihnen arbeiteten auch in Nachmittagssitzungen (vor allem kurz vor Abgabe der Aufgaben) oder verteilten Einzelarbeitsaufträge, z.B. waren zwei Schüler für die Erstellung der Plakate zuständig, während sich zwei andere um Video und Website kümmerten.

Am Tag der letzten freien Arbeitssitzung gab es eine Deadline für die Einreichung der Materialien. Ich wollte sie noch vor dem Wahltag in die Webseite integrieren. So hatten die Schüler an diesem Tag noch bis 16 Uhr Zeit an dem Material zu arbeiten. Etwa um diese Zeit änderte ich dann sämtliche Passwörter, so dass sich niemand mehr einloggen und weiterarbeiten konnte.

Am Wahltag, der zwei Tage vor dem tatsächlichen Termin der Kommunalwahl lag, stellten alle Gruppen ihre Ergebnisse und Ideen in kurzen Präsentationen vor der Klasse vor. Dabei zeigten sie alle erarbeiteten digitalen Endprodukte – die beiden Flyer, den Wahlwerbespot sowie die Website. Die meisten Gruppen waren fertig – nur eine Gruppe, hatte kaum etwas erarbeitet.

Nachdem alle Gruppen ihre Präsentationen abgeschlossen hatten, ging es an die Wahl. Diese wurde mit der Webanwendung Mentimeter durchgeführt. Jeder Schüler konnte eine Stimme vergeben und tat dies mit seinem Laptop oder Smartphone über den Teilnahme-Link.

Darüber hinaus gaben mir die Schülerinnen und Schüler detailliertes Feedback über das Projekt selbst. Die Ergebnisse sind in den folgenden Folien zu sehen:

 

Zielsetzung des Projekts

Eins bleibt festzustellen: Während der Anlass die aktuelle Kommunalwahl war, haben sich die Schülerinnen und Schüler nicht mit den konkreten Inhalten und Wahlzielen der Parteien auseinandergesetzt. Vielmehr haben sie sich dem Thema auf einer abstrakteren Ebene genähert – und dabei letztlich doch ein viel breiteres Grundverständnis von Wahlen und Wahlkämpfen erworben.

Viele Prozesse und Entscheidungsfindungen, die im echten politischen Geschehen auf komplexe und vielschichtige Art und Weise ablaufen, konnten auf basalem und didaktisch reduziertem Niveau nachempfunden werden.

Nach welchen Kriterien wird ein Spitzenkandidat gesucht? Was muss sie/er mitbringen? Warum ist es sinnvoll vor einem Wahlkampf die Wahlgruppe(n) zu kennen? Welche Wahlversprechen sind glaubhaft und warum ist es überhaupt wichtig realistische, glaubhafte Ziele zu haben? Welche Auswirkungen haben unglaubwürdige Wahlversprechen? Welche Konsequenzen hat es, wenn meine Wahlvorhaben nur für einige, kleine Wählergruppen attraktiv sind? Wie werden ansprechende Wahlplakate und Wahlwerbespots gestaltet? Wie lassen sich umfangreiche Ziele in wenigen Worten präsentieren? Wie sollte sich ein Politiker präsentieren, um von anderen gewählt zu werden? Welche Aufgaben übernehmen Parteimitglieder, die sich nicht selbst zur Wahl stellen?

Diese Fragen sind nur einige Bereiche, die bei dem durchgeführten Projekt angestoßen wurden. Die meisten von ihnen lassen sich nicht eindeutig beantworten, aber die Schülerinnen und Schüler haben Anreize bekommen sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es lädt ein, gedanklich hinter die Kulissen zu schauen, Wahlslogans zu hinterfragen, Kandidatinnen und Kandidaten, Parteien, Wahlversprechen, etc. kritisch zu betrachten.

Während dabei konkrete politische Ereignisse vernachlässigt wurden, haben die Schülerinnen und Schüler hoffentlich einen Einblick in systemische Prozesse erhalten können. Idealerweise hätte diese Phase zeitlich früher im Schuljahr vorangehen können, sodass man darauf aufbauend die konkreten politischen Akteure der Flensburger Kommunalwahl hätte unter die Lupe nehmen können.

Das spürbare Engagement der Gruppen und die tollen Arbeitsergebnisse zeigen mir, dass dieses Projekt insgesamt sehr lohnenswert gewesen ist. Von Vorteil war es auch, dass wir im Anschluss Gelegenheit hatten sowohl die Inhalte als auch die Arbeitsweisen kritisch zu reflektieren. Die Mentimeter-Ergebnisse spiegeln ein überwiegend positives Bild wieder. Ich würde gerne ein ähnliches Projekt erneut durchführen.

 

Für Anregungen und Verbesserungsvorschläge in den Kommentaren oder per Mail bin ich sehr dankbar.

 

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