Lektürearbeit mit Erklärvideos

Arbeitsprozess im Überblick

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Die Ausgangslage

Unser schulinternes Curriculum für das Fach Englisch sieht vor die Schülerinnen und Schüler in der 9. Klasse das erste Mal an englischsprachige Lektüre heranzuführen. Dazu habe ich im vergangenen Jahr das Buch „Killing Mr Griffin“ von Lois Duncan gewählt. Das Sprachlevel ist für einen 9. Jahrgang angemessen und die Story, in der es darum geht, dass eine Gruppe High School-Schüler ihren unliebsamen Englischlehrer kidnappt und dieser dabei versehentlich ums Leben kommt, wirkt auf die Jugendlichen erfahrungsgemäß ansprechend (was mir vielleicht etwas Angst machen sollte).

 

Neben klassischen Leseverstehens-Übungen zu den jeweiligen Kapiteln, sollen natürlich auch die Charaktere intensiv beleuchtet und dargestellt werden. Dies wird traditionell in Form einer Charakterisierung durchgeführt. Diese Methodik ist angemessen, wirkt jedoch auf die meisten Schülerinnen und Schüler nicht sonderlich motivierend. An dieser Stelle kann ein digitales Werkzeug helfen sie zu begeistern: Der Webdienst mysimpleshow, mit dem sich auf einfache Art und Weise Erklärvideos erstellen lassen.

 

Die Vorarbeit

Im ersten Schritt muss das Buch natürlich von allen Schülerinnen und Schülern gelesen werden – klingt logisch, ist aber nicht ganz selbstverständlich. Meine Erfahrung zeigt, dass zumindest ein Teil der Schüler nicht alle Kapitel gelesen hat oder dass einige Teile nur überflogen wurden. Zudem ist es bei englischsprachiger Lektüre möglich, dass nicht alle wichtigen Informationen auch tatsächlich verstanden wurden.

Somit macht es Sinn sich vor der intensiven Phase in Gruppen- oder Einzelarbeit gemeinsam über die Charaktere auszutauschen, um Missverständnisse zu klären.

 

Um dies sicherzustellen, wurde nach der Think-Pair-Share-Methode vorgegangen. Bei diesem kollaborativen Verfahren erarbeiten die Schüler gemeinsam Ergebnisse in drei Phasen. In der ersten Phase arbeiten sie für sich allein, in der folgenden Phase wird in Zweier-Teams gearbeitet und in der letzten Phase werden die Ergebnisse in der Gesamtgruppe zusammengetragen und visualisiert. So wird jeder Schüler aktiv, Teilergebnisse werden diskutiert und gegebenenfalls verändert oder ergänzt und am Ende steht eine gemeinsame Ergebnissammlung, auf die jeder Schüler der Klasse zurückgreifen kann.

 

In meinem konkreten Beispiel sah dies folgendermaßen aus: Ich habe acht Charaktere ausgewählt, die im Storyverlauf des Romans eine wichtige Rolle spielen: Brian Griffin, Susan McConnell, Mark Kinney, David Ruggles, Betsy Cline, Jeff Garrett, Kathy Griffin und Irma Ruggles. Diese Personen galt es am Ende zu präsentieren.

Im Schnellverfahren sind wir nun die einzelnen Charaktere durchgegangen, damit die grundlegenden Informationen zusammengetragen werden konnten. Zuerst hat jeder Schüler für sich in je anderthalb Minuten alles in einer Mindmap gesammelt, was er oder sie zu den Charakteren in Erinnerung behalten hat: Aussehen, Charaktereigenschaften, Schlüsselereignisse, Verbindungen zu anderen Personen, etc. – alles was die Schüler für erwähnenswert hielten, war erlaubt.

Danach haben sie sich mit einem Partner zusammengefunden (in der Regel war es der direkte Sitznachbar) und in ca. 2 Minuten ihre Mindmaps zusammengeführt, korrigiert und ergänzt. Im letzten Schritt haben wir in wenigen Minuten die Ergebnisse in einer gemeinsamen Mindmap gesammelt. Es wurde hierbei nicht sortiert, sondern lediglich alle geäußerten Gedanken zusammengetragen. Dies habe ich ebenfalls mit einem digitalen Hilfsmittel durchgeführt – und zwar mit der interaktiven Whiteboard-App Explain Everything. Diese ermöglichte es mir die Ergebnisse anschließend als PDF über den Schulserver zur Verfügung zu stellen, so dass jeder Schüler zu jeder Zeit darauf zurückgreifen konnte. Einzelne Beispiele finden sich in der Bildergalerie.

Themen verteilen

Nun ging es an die Hauptaufgabe: das Erstellen der Erklärvideos. Zunächst ist allerdings zu erwähnen, dass die Schülerinnen und Schüler bereits zuvor mit dem Webdienst gearbeitet hatten und sich somit schon mit den Grundfunktionen auskannten.

 

Wir haben als Gesamtgruppe die Themen verteilt. Je zwei bis drei Schüler wurden einem der acht Charaktere zugeordnet. Im folgenden Arbeitsprozess war es den Schülern vollkommen freigestellt, ob sie gemeinsam ein Video erstellen oder für sich allein daran arbeiten. Diese Entscheidung traf ich zum einen aus organisatorischen Gründen, da nicht jedem Schüler ein eigener Laptop zur Verfügung steht und zum anderen, weil ich es reizvoll finde, dass die Schüler selbst Verantwortung für ihren Lern- und Arbeitsprozess übernehmen und diese Entscheidung untereinander ausmachen müssen. Es nimmt Druck raus und ermöglicht, dass sich alle für einen Charakter entscheiden, der sie anspricht anstatt zwangsweise die Entscheidung nach möglichen Arbeitspartnern zu treffen.

 

Erklärvideos erstellen

Nachdem alle Schüler wussten welchen Charakter sie zu präsentieren hatten, erhielten sie von mir die Zugangsdaten für meinen Lehrer-Account bei mysimpleshow. Wenn alle über denselben (von der Lehrkraft administrierten) Account ihre Videos erstellen, ergeben sich einige Vorteile: zunächst spart es Zeit, weil Schülerinnen und Schüler nicht immer Profis darin sind, sich auf die Schnelle einen eigenen Account bei einem Webdienst einzurichten. Außerdem kann die Lehrkraft sich jederzeit einloggen und hat Einblick in den Arbeitsfortschritt. Bei möglichen Problemen, kann er oder sie zudem aktiv eingreifen und die Datei entsprechend vom eigenen Endgerät editieren.

Wichtig ist es hierbei jedoch mit den Schülern zu klären, dass sie keine Projekte von anderen löschen, bearbeiten oder auch nur ansehen (dabei geht der Überraschungseffekt für die Präsentation verloren).

 

Da die Schüler bereits im Vorfeld Erfahrungen mit mysimpleshow gesammelt hatten, wussten sie wie sie nach dem Einloggen vorgehen mussten. Neue Projekte wurden erstellt und zunächst die ausführlichen Texte über die Charaktere verfasst. Im nächsten Schritt wurden ansprechende Zeichnungen ausgewählt und in den einzelnen Szenen angeordnet. Im letzten Schritt wurde ein Sprecher sowie die Hintergrundmusik ausgewählt. Eine ausführliche Detailbeschreibung für die Arbeit mit mysimpleshow ist hier zu finden.

 

Es war interessant zu sehen wie viel Mühe sich die Schüler bei ihrer Charaktervorstellung gegeben haben. Texte wurden mehrfach überarbeitet, die Bildauswahl wurde mit größter Sorgfalt durchgeführt. Trotzdem ergibt sich natürlich auch bei dieser Art des Arbeitens die Schwierigkeit, dass Schüler in unterschiedlichem Tempo vorankommen. Wenn einzelne Schüler ihr Projekt fertiggestellt hatten, war es ihnen freigestellt einen zweiten Charakter ihrer Wahl vorzustellen oder eine grobe Zusammenfassung des Buches zu erstellen. Dies war allerdings nur in wenigen Fällen relevant und leider ist keine dieser zusätzlichen Projekte fertiggestellt worden. Ich sehe dies jedoch nicht als problematisch, da die Schüler sich in dieser Zeit sowohl tiefergehend mit dem Buch als auch mit den Möglichkeiten von mysimpleshow auseinandergesetzt haben.

 

Die Präsentationen

Am Ende waren natürlich alle gespannt auf die Ergebnisse. Die einzelnen Videos sind zwischen einer und zwei Minuten lang, so dass man sie gut hintereinander schauen kann, ohne dass Langeweile aufkommt. Da einige Charaktere doppelt vorgestellt wurden, kamen wir insgesamt auf zehn Videos. Mit kurzen Rückmeldungen und Anmerkungen zwischen den Videos hat die Vorstellung aller Beiträge weniger als 30 Minuten gedauert.

 

Ein Beispiel

6 Comments

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Julia Drexeliusreply
17. Januar 2020 at 19:08

Guten Tag!
Das klingt sehr interessant. Ich habe mir einen kostenlosen Classroom Account bei mysimpleshow angelegt. Aber wie kann ich nun die Schüler einladen oder ihnen Zugang verschaffen?

Herr Jasperreply
17. Januar 2020 at 20:54
– In reply to: Julia Drexelius

Ich arbeite bei den meisten Portalen mit einem „Lehrerkonto“, d.h. ein Login, den alle gemeinsam nutzen. So kann ich auf alle Projekte zugreifen. Vorher sollten klare Regeln festgelegt werden und darüber gesprochen werden wie Projekte zu behandeln sind, die nicht die eigenen sind.
In der Regel dürfen die SuS bei mir nur die eigenen Projekte ansehen und bearbeiten.

Habe damit gute Erfahrungen gemacht.
Ich hoffe das hilft dir weiter.

Anni Wiekoreply
4. März 2020 at 12:17

Klingt interessant und würde ich auch nutzen. Wie schaut es aber mit den Video aus: wenn ich ein Video fertigstellen will, ist die Privatsphären-Einstellung auf „öffentlich“, was heißt das denn? Wo ist das Video dann gespeichert? Können nun alle dieses Video (meiner Schüler) sehen und dann auch nutzen? Welche Erfahrungen gibt es dazu?

Herr Jasperreply
5. März 2020 at 10:56
– In reply to: Anni Wieko

Ja – sofern man mit der kostenlosen Variante arbeiten möchte, lässt sich tatsächlich nur die Option „öffentlich“ wählen. Dies bedeutet allerdings lediglich, dass das Video von jedem angesehen und geteilt werden kann. Bearbeitbar sind die Videos nicht für andere.
Die Seite bietet aber gar keine Suchfunktion, um Videos anderer zu finden. Zudem habe ich versucht die Video-Links veröffentlichter Videos über gängige Suchmaschinen aufzuspüren. Dies ist mir nicht gelungen. Somit kann ein Video nur gesehen werden, wenn vorher gezielt der Link weitergegeben wurde.

In den MySimpleshow-Videos selbst sind darüber hinaus keine Fotos zu sehen, sondern lediglich Grafiken aus der Datenbank der Seite. Auch die Stimme ist computergeneriert. Es sind in den Videos also in der Regel keine sensiblen Daten enthalten. Mit den Schülern sollte dies auch aktiv thematisiert werden, damit sie sich dessen bewusst sind. So kann vermieden werden, dass Namen oder Hinweise zu Social Media-Accounts in die Videos eingebettet werden.

Bislang bin ich in dieser Hinsicht auf keine Probleme gestoßen.
Die Bedenken sind aber natürlich berechtigt.

Anni Wiekoreply
5. März 2020 at 11:01
– In reply to: Herr Jasper

Danke für die ausführliche Antwort!

Herr Stolzreply
6. April 2020 at 13:19
– In reply to: Anni Wieko

Es ist eine Suchfunktion auf der Seite möglich und zwar auch für Personen, die noch nicht einmal einen Account besitzen! Gehen Sie auf die Hauptseite und scrollen sie bis ganz nach unten. Dort ist im grau unterlegten Bereich links unter Produkt an dritter Stelle „Nutzervideos“ zu finden. Dort können (womöglich) alle „öffentlichen“ Videos angesehen werden, auch ohne Account!
Deswegen sind die Hinweise von Herrn Jasper den SuS unbedingt klar zu machen, sodass keine sensiblen Daten mit der Erstellung veröffentlicht werden.

Nach meinen bisherigen Erfahrungen sind dort nur Videos zu finden, die durch „Video fertigstellen“ finalisiert wurden. Meine unfertigen Projekte lassen sich dort nicht finden, meine finalisierten Videos jedoch schon. Aber auch dagegen habe ich eine Möglichkeit gefunden: Nach dem Download des fertiggestellten Videos einfach das Projekt löschen, dann konnten ich odere andere es nicht mehr in den „Nutzervideos“ finden.
Wenn Sie das Projekt aber noch verwenden wollen, kopieren sie es einfach, lassen eines der beiden fertigstellen und löschen es nach dem Download wieder.

Natürlich kann man seinen Account auch upgraden, aber die Kosten sind für den schulischen Gebrauch dann zu hoch.

Unter den von Herr Jasper genannten Punkten ist es für mich einen Versuch wert, im Unterricht eingesetzt zu werden, da ja der kreative Prozess im Mittelpunkt steht.

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